Freitag, 19. September 2008

Vom Bahnhof nach Gratkorn

Heute Vormittag um 10 Uhr, ein ungewohntes Bild am Hauptbahnhof. Vor dem Eingang zur Schalterhalle haben einige Grüne zwei alte Pinwände aufgestellt, davor liegen auf einem Tischchen bunte Zettel und Stifte. Auf den Pinwänden steht nur: "Sicherer Bahnhof?" und "Ihre Meinung zählt!"


Wir wollen uns einmal anhören, was die Menschen zu sagen haben, die den Bahnhof benützen. Keine Medien, keine Verwertungsabsicht, einfach zuhören und sehen, was wir so Nützliches erfahren können.


Bei der Planung gestern nachmittag hatte ich einige Bedenken. Wird sich überhaupt jemand trauen seine Meinung aufzuschreiben? Werden nur Beschimpfungen aufgeschrieben, und law-and-order-Sprüche aus den Medien? Oder kommen umgekehrt nur GrünwählerInnen und Alternative zu unserem Stand?


Um zwölf Uhr sind die Pinwände voll mit Meinungen und Gefühlen aller Art. Von "schöner als die schweizer Bahnhöfe" bis "sauberer!", von "Die Junkies sollen weg" bis zu "mehr Sozialarbeit", und von "Scheiß Marokkaner" bis zu "Akzeptanz!" sind alle möglichen Themen auf der Wand. Ein buntes Bild an Gefühlen, Lösungsansätzen und Hoffnungen entsteht.



Die Meldungen zeigen deutlich, dass am Bahnhof verschiedene Problembereiche zusammenkommen. Drogenhandel und -sucht, Wohnungslosigkeit, Alkoholismus und Integrationsprobleme mischen sich vor dem Hintergrund zehntausender vorbeihastender Reisender und PendlerInnen.

Für diesen Cocktail an Interessen und Nutzungen gibt es keine einfache Patentlösung. Wir müssen anfangen, die Schwierigkeiten von allen Seiten zu bearbeiten. Anders werden wir die Konflikte am Bahnhof nicht lösen.





Zurück im Büro stolpere ich im Internet über eines der besten Beispiele für Überwachungswahn, die mir bis jetzt unter gekommen sind: Gratkorn in der Steiermark rüstet sich gegen den Einfall Tiroler Horden.


Heute abend spielt der FC Wacker Innsbruck gegen den FC Gratkorn. Wie immer reisen Tiroler Fans mit, um Wacker auch auswärts zu unterstützen. Nur hat man beim FC Gratkorn offenbar solche Angst vor den Tirolern, dass man von jeder Wacker-Anhängerin und jedem Wacker-Anhänger beim Eintritt ins Stadion einen Lichtbildausweis verlangt, um ihn zu kopieren.


Die steirischen Sicherheitsgenies wollen Sachbeschädiger und Kriminelle leichter identifizieren können - obwohl das mit der Videoüberwachung im Stadion ohnehin problemlos möglich sein sollte.


Der Höhepunkt: Einheimische Fans müssen sich nicht mal ausweisen, geschweige denn ihre Daten kopieren lassen. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen.

1. Beim FC Gratkorn kennt man seine Fans ausnahmslos persönlich.
2. Der FC Gratkorn glaubt, dass steirische Fans samt und sonders friedliche SportkonsumentInnen sind, während Tiroler Fans offenbar grundsätzlich als mögliche Hooligans und Verbrecher gelten.


Die Tiroler Fans spüren das Misstrauen und die Vorverurteilung, die hinter dieser einseitigen Kontrolle stehen, und sind zurecht sauer. Viele fürchten wohl auch, dass ihre Daten nicht wie versprochen nach 48 Stunden gelöscht werden könnten, sondern doch in einer privaten "Hooliganliste" landen könnten. Für sie ist die neue Vorschrift schlicht und einfach eine Provokation.


Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie übertriebene Überwachung letztlich Unsicherheit erzeugt: Die genialen SicherheitsexpertInnen in Gratkorn haben so sehr Angst, dass sie alle Auswärtsfans pauschal verdächtigen. Und wenn alle verdächtige Subjekte sind, muss man sie auch entsprechend behandlen und per Überwachung und Kontrolle unter Druck setzen, damit sie doch brav bleiben. Das ist in sich logisch, bringt aber im Ergebnis nur Wut und Aggression. So entsteht aus der Angst der Kontrolleure Unsicherheit für alle. Die Situation ist jetzt bedeutend schwieriger als sie ohne diese Kontrolle gewesen wäre.


Die gute Nachricht: Aus Protest ziehen die Wacker Fans offenbar nicht grölend und plündernd durch Gratkorn, sondern planen einen Boykott des Spiels mit einer stillen Kundgebung vor dem Stadion. Sie sind eben nicht die hirnlosen Herdentiere, als die der FC Gratkorn sie behandeln will, sondern überwiegend verantwortliche, vernünftige und individuelle Menschen.


Bleibt nur zu hoffen, dass es ruhig bleibt - trotz der Sicherheitsvorkehrungen.

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