Am 24. September entscheiden die Innsbrucker Mitglieder der Grünen, welche Personen ab den Gemeinderatswahlen im Frühjahr unsere Wählerinnen und Wähler im Gemeinderat vertreten dürfen. Die Vorbereitungen für diese „Listenwahl“ war für mich der Anlass, in den letzten Wochen sehr intensiv über meine Arbeit und meine Pläne nachzudenken.
Erste Erkenntnis: Für mich ist eigentlich alles auf Schiene für einen sicheren Listenplatz, also für ein Mandat auch im neuen Gemeinderat. Ich denke, in der laufenden Periode habe ich recht gute Kontrollarbeit in der Stadt geleistet, und einiges zur Aufklärung von Missständen und gegen die allgegenwärtigen Netzwerke und Freunderl-Kreise beigetragen. Auch dank meiner Arbeit haben die Tiroler Grünen ein sportpolitisches Programm, das als einziges aller Parteien in ganz Österreich diesen Namen verdient und einige Antworten für eine gezielte und nachhaltige Sportpolitik gibt. In der Sicherheitspolitik habe ich eine tragfähige grüne Linie erarbeitet, die Kollegen wie Rudi F. mit ihrer öden und wirkungslosen Law & Order – Linie schon einiges Kopfzerbrechen bereitet hat.
Darauf bin ich stolz, auch darauf, dass ich trotz harter Auseinandersetzungen gerade in der Kontrollarbeit doch letztlich fair geblieben bin, und im Zweifelsfall lieber zwei starke Sager weniger losgelassen habe als jemandem ungerechtfertigt etwas vorzuwerfen oder einen Ruf zu ruinieren. Mit meinem Stil habe ich mir ein gutes Standing erarbeitet, bei vielen Menschen in der Politik, auch den „GegnerInnen“ im Gemeinderat, im Stadtmagistrat und in der Stadt.
Der Großteil der Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe viel gelernt, viele interessante Menschen und Argumente kennen gelernt, und konnte manches erreichen oder verändern. Die Arbeit im Gemeinderat war und ist ein Traumjob für mich.
Aber.
„Willst du den neuen Rektor wählen?“ Vor 14 Jahren, recht frisch auf der Uni, wurde ich das gefragt, und mit dieser Frage hat meine politische Arbeit begonnen. Seitdem war ich fast durchgehend de facto hauptberuflich Politiker, ob ehrenamtlich oder bezahlt.
In der ÖH, in der GRAS und der Uni, in Attac, Landespartei, Bundespartei, Stadtpartei und rund um den Gemeinderat war ich in mehr Funktionen und Gremien, als ich zählen kann. Manche waren sinnvoller als andere, aber fast überall habe ich gelernt und versucht, das Beste herauszuholen für das, was ich für jeweils gerecht, menschlich und nachhaltig gehalten habe – im Wissen, dass die anderen vielleicht genauso recht haben bzw. ich oder die Grünen falsch liegen könnten. Es war und ist eine wunderbare Zeit.
Im letzten Jahr habe ich dann bemerkt, dass mein Blickfeld langsam enger wird. Ich bin in einen Alltagstrott gerutscht. Der große gesellschaftliche, politische und kulturelle Hintergrund der Politik wurde mir langsam undeutlich. Neue Technologien und Entwicklungen von Klimawandel bis zur Finanzkrise verändern die Welt so, dass ich vieles in 30 Jahren kaum mehr wieder erkennen werde. Nachhaltige Politik muss deshalb jetzt schon versuchen, diese Entwicklungen zu sehen und zu interpretieren, um nicht Entscheidungen zu treffen, über die man in ein paar Jahren oder Jahrzehnten nur noch den Kopf schütteln kann. Das gilt für die Stadtpolitik genauso wie für Bundes- oder Weltpolitik, und diese Perspektive ist mir zwischen Ausschussakten und Tagespolitik fast abhanden gekommen. Das ist ein persönlicher Verlust, und es knabbert an meiner Motivation und meinem Elan.
Sicher könnte ich da wieder heraus kommen, mich am Riemen reißen und neu durchstarten. Selbst wenn nicht wäre ich vielleicht noch ein ganz passabler Politiker. Aber ich bin jetzt 33 und habe mit wenigen kurzen Ausnahmen hauptberuflich nur Politik gemacht. In sechs Jahren, am Ende der nächsten Gemeinderatsperiode, werde ich meinen 40. Geburtstag feiern. Die Gefahr ist nicht klein, in ein paar Jahren plötzlich morgens im Bad zu stehen und zu bemerken, dass ich zynisch geworden bin und/oder keine Möglichkeit mehr sehe, den Absprung aus der Politik zu schaffen.
Ich bin ein politischer Mensch. Ich glaube an die Grünen, an unsere Ideen und unsere Durchsetzungskraft. Oft sind wir viel mächtiger als wir uns eingestehen wollen, Oppositionsrolle hin oder her. Vor allem aber glaube ich an die Kraft der Politik, unser Zusammenleben gerechter und besser zu machen.
Aber Politik ist auch einfach ein Beruf. Einer, den ich liebe, den ich gelernt und für den ich ein gewisses Talent habe, aber eben auch nicht der einzig vorstellbare Beruf für mich und nicht der alleinige Mittelpunkt der Welt.
Jetzt, nach 14 Jahren, ist für mich die richtige Zeit auch anderes zu erleben und zu tun, die Zeit für neue Perspektiven. Und sei es nur, um später vielleicht wieder gestärkt zu meinen beruflichen Wurzeln in die Politik zurück zu kommen.
Deshalb werde ich mich nicht um einen Listenplatz für die Gemeinderatswahl 2012 bewerben.